Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Reine Begeisterung? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind Angebote, SEO auf Basis einzelner Links und Gastbeiträge zu betreiben, nicht neu. Das Angebot, dafür gleich meine Website zu veräussern, ist mir bislang jedoch nicht untergekommen.
Das ergibt verblüffend viel Sinn

Bei näherer Betrachtung ergibt es erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretung, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern herausfinden konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel sich aus dieser Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachlesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
Guten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:
- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen
