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  3. Die Prusai und das Weihnachtsfeuer„Setz dich näher ans Feuer, Kind“, sagte die Urgroßmutter zu ihrer kleinen Enkelin und zog ihren alten Schal enger um die Schultern.

Die Prusai und das Weihnachtsfeuer„Setz dich näher ans Feuer, Kind“, sagte die Urgroßmutter zu ihrer kleinen Enkelin und zog ihren alten Schal enger um die Schultern.

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    #1

    Die Prusai und das Weihnachtsfeuer

    „Setz dich näher ans Feuer, Kind“, sagte die Urgroßmutter zu ihrer kleinen Enkelin und zog ihren alten Schal enger um die Schultern. Draußen lag Schnee, und der Wind pfiff durch die Ritzen der Fenster. „Heute ist die Nacht, in der die Sonne am tiefsten schläft. Die längste Nacht im Jahr. Bei uns Prusai in Masuren, war das immer ein besonderer Tag.“

    Sie lächelte und ihre Augen leuchteten im Schein der Flammen. „Wir entzündeten Feuer auf den Hügeln, legten Brot, Milch und Honig hinein, sangen Dainas, kleine Lieder über Licht, Leben und die Ahnen. Der Rauch sollte Saule, der Sonnengöttin, den Weg durch die dunkle Unterwelt weisen. Perkūnas, der Donnerer, wachte über uns, und die Ahnen gingen durch die Felder und Wälder, segneten unsere Häuser.“

    Das kleine Mädchen lauschte wie gebannt den Worten ihrer Babsha, doch der Gedanke an das Leben hier in Deutschland hing in der Luft. Die Urgroßmutter war weit weg von den Hügeln Masurens, weit weg von den offenen Feldern ihrer Kindheit. Sie erzählte von den Ritualen, von den alten Liedern, als wären sie immer noch greifbar, als ob man sie durch das Feuer sehen könnte.
    „Hier“, flüsterte sie, „kennt man keine Dainas, keine Hügel, keine Wintersonnenfeuer auf den Feldern, kein Singen der alten Lieder. Man musste vorsichtig sein, sonst fiel man auf. Dein Opa wollte das auch nicht, er hielt sich bedeckt, passte sich an, lebte zwischen den Welten, als er deine Oma heiratete.“

    Sie lachte leise. „Aber die Geschichten, die nahm ich mit. Ich erzählte sie heimlich, beim Feuer im Haus, in der Familie, in der langen Nacht, wenn alle schliefen. Dann konnte ich die Sonne wecken, die Ahnen sehen und die alten Bräuche lebendig halten; auch hier, weit weg von Masuren.“

    Die Enkelin spürte, wie zwei Welten aufeinanderprallten; die alte, magische Welt der Prusaivorfahren mit ihren Hügeln, Feuern und Dainas, und die neue, fromme, deutsche Welt ihrer Oma. Beide Welten lebten in einem Raum, unter einem Dach, vereint durch die Geschichten der Urgroßmutter.
    „Wenn du genau hinsiehst, Kind“, sagte die alte Babsha und beugte sich vor, „siehst du vielleicht die Schatten der Vorfahren im Feuer, hörst ihre Lieder in der Stille der Nacht.

    Auch hier, in Deutschland, kann man die Sonne wiederkehren sehen, selbst wenn man an ein Kind im Stroh glaubt.“
    Und draußen, über den Dächern und Bäumen, durch die kalte Nacht, schien der erste schwache Glanz der Sonne auf wie ein leises Versprechen, dass Licht und Leben immer zurückkehren, dass die Bräuche der Prusai weiterleben, heimlich, leise, im Herzen der Urgroßmutter, während ihre Schwiegertochter in der Stube die Weihnachtskrippe aufbaute.

    Die Kerzen flackerten und warfen ihr Licht auf die Figuren von Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, die Lieder „Stille Nacht“ erklangen leise von Schallplatte und draußen über den Dächern leuchteten die ersten Sterne, als die Glocken zur Christmette läuteten.

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