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  3. Ich habe heute ein TikTok von Connor Scott Gardener gesehen.

Ich habe heute ein TikTok von Connor Scott Gardener gesehen.

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  • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

    Ich bin blind seit Geburt. Leber’sche Congenitale Amaurose. Eine Erkrankung, bei der die Stelle des schärfsten Sehens nie ausgebildet wurde, bei der die Fotorezeptoren rundherum im Laufe des Erwachsenwerdens nach und nach abgestorben sind. Als Kind hatte ich dennoch Sehrest: grobe Umrisse, große Objekte, Lichtquellen. Ich bin im Dorf Fahrrad gefahren, bis ich zehn war. Heute, Ende dreißig, benutze ich einen Lichtsensor, wenn ich sicher sein will, dass das Deckenlicht wirklich an ist. Mein Leben ist nicht weniger geworden – aber mein Sehen ist längst kein Feld mehr für medizinische Überraschungen. (2/9)

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    #2

    Und doch betrete ich Augenarztpraxen, in denen man genau so tut, als wäre ich ein ungelöstes Rätsel. Ich komme meist nur, um ein Rezept für ein blindentechnisches Hilfsmittel abzuholen. Keine Hoffnung, keine Erwartung auf Verbesserung. Nur Bürokratie. Und trotzdem beginnt fast immer dasselbe Ritual: Tropfen zur Pupillenerweiterung. Grelles Licht, das schmerzt. Untersuchungen, deren Sinn niemand erklärt. Ärger, weil ich nicht „richtig mitmache“. (3/9)

    tschapajew@metalhead.clubT brailly615@caneandable.socialB 2 Antworten Letzte Antwort
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    • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

      Ich habe zusätzlich einen Keratokonus, eine nach außen gewölbte Hornhaut, mit Vernarbungen. Ein Augenarzt erklärte mir einmal, man wolle das nicht behandeln, da sich mein Sehen dadurch ja ohnehin nicht verbessern würde. Dass diese Wölbung aber manchmal innen am Augenlid scheuert, Schmerzen verursacht, Trockenheit, Tränen, Reizungen – all das zählte nicht. Als wäre Lebensqualität ausschließlich an Sehschärfe messbar. Als hätte ein blinder Mensch kein Recht auf schmerzfreie Augen. (5/9)

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      #3

      Noch schwerer wiegt die Art der Kommunikation. Oder vielmehr: ihr Fehlen. Papierformulare, die ich ausfüllen soll. Kein Angebot einer barrierefreien Alternative. Kein Nachdenken. Ein Augenarzt sprühte mir einmal ohne Vorwarnung eine Flüssigkeit ins Gesicht, um meinen Lidschlussreflex zu testen. Keine Erklärung. Keine Einwilligung. Einfach machen. Es war nicht lustig. Es war übergriffig. (6/9)

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      • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

        Noch schwerer wiegt die Art der Kommunikation. Oder vielmehr: ihr Fehlen. Papierformulare, die ich ausfüllen soll. Kein Angebot einer barrierefreien Alternative. Kein Nachdenken. Ein Augenarzt sprühte mir einmal ohne Vorwarnung eine Flüssigkeit ins Gesicht, um meinen Lidschlussreflex zu testen. Keine Erklärung. Keine Einwilligung. Einfach machen. Es war nicht lustig. Es war übergriffig. (6/9)

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        schrieb zuletzt editiert von
        #4

        Was mich daran so müde macht, ist nicht die einzelne Situation. Es ist das Muster. Blindheit scheint in der Ausbildung vieler Augenärzt*innen ein Endpunkt zu sein. Eine Sackgasse. Etwas, das man diagnostiziert – und dann innerlich abhakt. Der Umgang mit tatsächlich blinden Menschen, mit ihrer Autonomie, ihrer Körperkompetenz, ihren Bedürfnissen jenseits von „Sehen oder Nichtsehen“, scheint kaum vorzukommen. Stattdessen entsteht Aktionismus: testen, leuchten, messen – weil Nichtstun für Mediziener*innen unerträglich ist. (7/9)

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        • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

          Meine Augen haben Nystagmus. Sie bewegen sich unwillkürlich, ständig. Ich kann nicht auf Kommando irgendwohin schauen. Das ist keine Verweigerung, keine Unkooperativität – es ist mein Körper. Aber statt Verständnis ernte ich Ungeduld. Als hätte mein Auge gefälligst dem Lehrbuch zu folgen. (4/9)

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          #5

          Ich habe zusätzlich einen Keratokonus, eine nach außen gewölbte Hornhaut, mit Vernarbungen. Ein Augenarzt erklärte mir einmal, man wolle das nicht behandeln, da sich mein Sehen dadurch ja ohnehin nicht verbessern würde. Dass diese Wölbung aber manchmal innen am Augenlid scheuert, Schmerzen verursacht, Trockenheit, Tränen, Reizungen – all das zählte nicht. Als wäre Lebensqualität ausschließlich an Sehschärfe messbar. Als hätte ein blinder Mensch kein Recht auf schmerzfreie Augen. (5/9)

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          • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

            Ich habe heute ein TikTok von Connor Scott Gardener gesehen. Er spricht darin über seine Erfahrungen mit Augenärzt*innen – und selten habe ich mich so unmittelbar, so schmerzhaft präzise wiedererkannt. Es war dieses „Ja, genau so fühlt sich das an“, das Erinnerungen an alte Müdigkeit und Verletzungen wachruft. (1/9)

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            schrieb zuletzt editiert von
            #6

            Ich bin blind seit Geburt. Leber’sche Congenitale Amaurose. Eine Erkrankung, bei der die Stelle des schärfsten Sehens nie ausgebildet wurde, bei der die Fotorezeptoren rundherum im Laufe des Erwachsenwerdens nach und nach abgestorben sind. Als Kind hatte ich dennoch Sehrest: grobe Umrisse, große Objekte, Lichtquellen. Ich bin im Dorf Fahrrad gefahren, bis ich zehn war. Heute, Ende dreißig, benutze ich einen Lichtsensor, wenn ich sicher sein will, dass das Deckenlicht wirklich an ist. Mein Leben ist nicht weniger geworden – aber mein Sehen ist längst kein Feld mehr für medizinische Überraschungen. (2/9)

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            • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

              Was mich daran so müde macht, ist nicht die einzelne Situation. Es ist das Muster. Blindheit scheint in der Ausbildung vieler Augenärzt*innen ein Endpunkt zu sein. Eine Sackgasse. Etwas, das man diagnostiziert – und dann innerlich abhakt. Der Umgang mit tatsächlich blinden Menschen, mit ihrer Autonomie, ihrer Körperkompetenz, ihren Bedürfnissen jenseits von „Sehen oder Nichtsehen“, scheint kaum vorzukommen. Stattdessen entsteht Aktionismus: testen, leuchten, messen – weil Nichtstun für Mediziener*innen unerträglich ist. (7/9)

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              schrieb zuletzt editiert von
              #7

              Ich bin doch kein Übungsfeld. Ich lebe seit Jahrzehnten in diesem Körper. Ich kenne ihn. Ich weiß, was geht und was nicht. Ich weiß, warum ich da bin.

              Wenn ihr in eurer Bubble Augenärzt*innen oder anderes medizinisches Fachpersonal habt, leitet das gern weiter. Was viele blinde Menschen erleben, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem: Blindheit ist kein medizinischer Notfall und kein Rätsel, das gelöst werden muss.
              Blinde Menschen kommen oft mit klaren Anliegen und jahrzehntelanger Erfahrung.Was hilft, ist einfach – aber offenbar nicht selbstverständlich:
              zuhören, erklären, fragen, Grenzen respektieren. (8/9)

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              • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

                Und doch betrete ich Augenarztpraxen, in denen man genau so tut, als wäre ich ein ungelöstes Rätsel. Ich komme meist nur, um ein Rezept für ein blindentechnisches Hilfsmittel abzuholen. Keine Hoffnung, keine Erwartung auf Verbesserung. Nur Bürokratie. Und trotzdem beginnt fast immer dasselbe Ritual: Tropfen zur Pupillenerweiterung. Grelles Licht, das schmerzt. Untersuchungen, deren Sinn niemand erklärt. Ärger, weil ich nicht „richtig mitmache“. (3/9)

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                schrieb zuletzt editiert von
                #8

                Meine Augen haben Nystagmus. Sie bewegen sich unwillkürlich, ständig. Ich kann nicht auf Kommando irgendwohin schauen. Das ist keine Verweigerung, keine Unkooperativität – es ist mein Körper. Aber statt Verständnis ernte ich Ungeduld. Als hätte mein Auge gefälligst dem Lehrbuch zu folgen. (4/9)

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                • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

                  Ich bin doch kein Übungsfeld. Ich lebe seit Jahrzehnten in diesem Körper. Ich kenne ihn. Ich weiß, was geht und was nicht. Ich weiß, warum ich da bin.

                  Wenn ihr in eurer Bubble Augenärzt*innen oder anderes medizinisches Fachpersonal habt, leitet das gern weiter. Was viele blinde Menschen erleben, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem: Blindheit ist kein medizinischer Notfall und kein Rätsel, das gelöst werden muss.
                  Blinde Menschen kommen oft mit klaren Anliegen und jahrzehntelanger Erfahrung.Was hilft, ist einfach – aber offenbar nicht selbstverständlich:
                  zuhören, erklären, fragen, Grenzen respektieren. (8/9)

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                  schrieb zuletzt editiert von
                  #9

                  Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. #blind #Blindheit #Behinderung #Ableismus #Inklusion #Barrierefreiheit #Gesundheitssystem #Medizin #Patientenrechte #Selbstbestimmung #Medizinethik #Behindertenrechte #NichtsÜberUnsOhneUns #Sensibilisierung (9/9)

                  life_is@no-pony.farmL maltepoeggel_de@chaos.socialM 2 Antworten Letzte Antwort
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                    Ich habe heute ein TikTok von Connor Scott Gardener gesehen. Er spricht darin über seine Erfahrungen mit Augenärzt*innen – und selten habe ich mich so unmittelbar, so schmerzhaft präzise wiedererkannt. Es war dieses „Ja, genau so fühlt sich das an“, das Erinnerungen an alte Müdigkeit und Verletzungen wachruft. (1/9)

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                    #10

                    https://vm.tiktok.com/ZGdmyoJQk/

                    1 Antwort Letzte Antwort
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                      Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. #blind #Blindheit #Behinderung #Ableismus #Inklusion #Barrierefreiheit #Gesundheitssystem #Medizin #Patientenrechte #Selbstbestimmung #Medizinethik #Behindertenrechte #NichtsÜberUnsOhneUns #Sensibilisierung (9/9)

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                      life_is@no-pony.farm
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                      #11
                      @tschapajew@metalhead.club Dass Augenärzte (m/w) nicht zuhören, nicht erklären, nicht fragen, nicht Grenzen respektieren, erlebe ich auch.
                      1 Antwort Letzte Antwort
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                      • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

                        Und doch betrete ich Augenarztpraxen, in denen man genau so tut, als wäre ich ein ungelöstes Rätsel. Ich komme meist nur, um ein Rezept für ein blindentechnisches Hilfsmittel abzuholen. Keine Hoffnung, keine Erwartung auf Verbesserung. Nur Bürokratie. Und trotzdem beginnt fast immer dasselbe Ritual: Tropfen zur Pupillenerweiterung. Grelles Licht, das schmerzt. Untersuchungen, deren Sinn niemand erklärt. Ärger, weil ich nicht „richtig mitmache“. (3/9)

                        brailly615@caneandable.socialB This user is from outside of this forum
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                        #12

                        @tschapajew Ich habe das Glück, arbeiten gehen zu können. Seit Jahren bezahle ich meine Blindenhilfsmittel selbst. Sogar das Jaws-Update werde ich selbst bezahlen, genau um dieser Erniedrigung zu entgehen. Ich empfinde das als entwürdigend. Auch ich bin von Geburt an blind. Bei mir sind die Augen normal, der Sehnerv ist verkümmert. Daran ändert sich nichts. Ich will mich nicht jedes mal neu rechtfertigen und meine Blindheit beweisen. Und es ist mir unverständlich, warum es für Menschen mit einer auf dem Ausweis festgestellten unbefristeten Behinderung keine Regelung gibt, dass der Ausweis als Nachweis der Notwendigkeit gilt... #Blindleben #Disabled-Alltag

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                        • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

                          Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. #blind #Blindheit #Behinderung #Ableismus #Inklusion #Barrierefreiheit #Gesundheitssystem #Medizin #Patientenrechte #Selbstbestimmung #Medizinethik #Behindertenrechte #NichtsÜberUnsOhneUns #Sensibilisierung (9/9)

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                          schrieb zuletzt editiert von
                          #13

                          @tschapajew Ich erlebe ebenfalls häufig negative Erfahrungen beim Augenarzt mit einer einseitigen Blindheit. Trotzdem dokumentiert ist, dass sich im blinden Auge die Netzhaut abgelöst hat, wird es zum Sehtest mit einem Kärtchen abgedeckt. Nein ich sehe da auch keinen Schein mehr. Auch nicht mit der Taschenlampe. "Ja aber ich mache das immer so". Da die Erkrankung relativ selten ist, diene ich auch des öfteren als Vorzeigeobjekt.

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                          • tschapajew@metalhead.clubT tschapajew@metalhead.club

                            Ich habe heute ein TikTok von Connor Scott Gardener gesehen. Er spricht darin über seine Erfahrungen mit Augenärzt*innen – und selten habe ich mich so unmittelbar, so schmerzhaft präzise wiedererkannt. Es war dieses „Ja, genau so fühlt sich das an“, das Erinnerungen an alte Müdigkeit und Verletzungen wachruft. (1/9)

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                            #14

                            @tschapajew Aus dem Herzen gesprochen! Mein letzter Termin bei einer Augenärztin war vor 19 Jahren(!) wegen eines Rezepts (Farberkennungsgerät), seither nie mehr etwas benötigt (ebenfalls die Lebersche, aber seit Geburt komplett blind); damals, 2006, erstmals eine super freundliche, verständnisvolle Augenärztin (Zitat: "Na, die ganzen Tests und Spielchen brauchen wir ja nicht, aber darf ich zumindest mal kurz reinschauen …?). Also mal eine Ausnahme.

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